Gutachterverfahren 2014, Ausführung 2023 Ergänzungsauftrag durch die Stadt Salzburg; Architekten Wagner & Widmann
Städtebaulich
Die Judengasse war Teil der historischen Verbindung vom Hafen bei den Ursulinen über den Michaelsplatz (Mozartplatz) nach Süden. Die erstaunliche Einengung beim Eingang zum Bürgerspitalplatz ist einer Verbauung des 19. Jhdts. geschuldet. Der Name Judengasse ist Ironie der Geschichte. Fürsterzbischof Leonard von Keutschach verbannte 1498 sämtliche Juden aus Salzburg, bis unter bayrischer Herrschaft 1810 der Bann gelöst wurde. Der Entwurf folgt den Vorgaben der 5. Fassade, Steingrößen und Fugenteilung entsprechend der Hierarchie der Gassen im Stadtgefüge;
Architektonisch
Auch mit dem Mittelstreifen lassen sich Geschichten erzählen. Die Salzburger Judenfreiheit wird durch die Reduzierung der 5-Teiligkeit auf drei Steine an der schmalsten Stelle der Judengasse symbolisiert. Die Steinzuschnitte und Fugenteilungen folgen streng der Tradition des Steinmetzhandwerks.
Neugestaltung Judengasse – Hauptverkehrsader der Stadt
Als ursprünglich „Zuagroasta” fand ich bewundernswert, wie offen Salzburg zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung steht. Ein Teil der wichtigsten Handelsroute der Stadt vom Franz-Josefs-Kai, Ursulinenplatz, Gstättengasse, über den Bürgerspitalplatz, Getreidegasse, Judengasse, Waagplatz, Michaelsplatz und weiter in die südliche Altstadt dokumentiert vom Anteil der jüdischen Bevölkerung am Leben der Stadt.
Stadtgestaltung
Mit Erich Wagner gewann ich nach gemeinsamer Realisierung von Teilen der Rechten Altstadt auch in der linken Altstadt nach siegreichen Wettbewerben die Gestaltung der Griesgasse, Getreidegasse und des Residenzplatzes. Im November 2021 wurden wir mit der Neugestaltung der Judengasse beauftragt.
Entwurfsgedanken
Mit der Gestaltung der Stadträume wollen wir auch über die Geschichte der Stadt erzählen – mit jedem Projekt arbeiteten wir uns tiefer in die Geschichte der Stadt ein. Bei unseren Recherchen zur Judengasse staunten wir nicht schlecht, als wir erfuhren, dass nach mehreren Pogromen und Wiederansiedlungen auf Anordnung von Fürsterzbischof Leonard von Keutschach 1498 sämtliche Juden aus Salzburg ausgewiesen wurden. Somit blieb die Stadt ca. 300 Jahre judenfrei! Bis 1810 der Bann unter bayrischer Vorherrschaft gelöst wurde. (Eine Tatsache, die durch die Stolpersteine eher verschleiert wird.) Wir wollten diese Ungeheuerlichkeit nicht plakativ erzählen, sondern die Passant.innen zum Nachfragen bewegen. Da kamen uns zwei räumliche Besonderheiten der Judengasse zu Hilfe. Der Straßenzug Getreidegasse – Judengasse – Waagplatz hat seine schmalste und höchste Stelle in der Mitte des Judengassenverlaufs. Ein 5-reihiger Kleinsteinpflasterstreifen zieht sich – entsprechend dem Konzept der 5. Fassade – als Gestaltungselement durch die gesamte Altstadt. Dieser 5-reihige Kleinsteinstreifen ist für mich auch ein Symbol für das durchgängige Pulsieren des Lebens in der Altstadt. Neben dem Sammeln des Regenwassers dient dieser Pflasterstreifen auch als taktiles Orientierungssystem. Am Hochpunkt der Judengasse braucht kein Wasser abgeleitet zu werden, und die Straßenbreite von 3,60 m würde durch einen 50 cm breiten Kleinsteinstreifen wuchtig dominiert werden. Durch Reduzierung auf nur drei Reihen stören wir die Kontinuität der in ganz Salzburg durchgängigen Gestaltung und erzeugen Irritation. Wenn das auffällt und viele zu fragen beginnen, warum – haben wir damit Neugier geweckt. Im Altstadthotel Radisson, ehemals Höllbräu, war die Synagoge, oder wahrscheinlicher ein Gebets- und Schulungsraum der damaligen jüdischen Gemeinde untergebracht. Die Gedenktafel verschwand bei der letzten Restaurierung. Derzeit wird intensiv nach dem Verbleib der Gedenktafel recherchiert. Unterstützung bei meinen Nachforschungen erhielt ich auch von Frau Hanna Feingold.
Eduard Widmann






